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Vortrag und Zeitzeugengespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Salomon „Sally“ Perel

Der Raum ist voll. Rund hundert Schülerinnen und Schüler der Geschichtskurse Q1 und Q2 des Ratsgymnasiums und der Marienschule haben Platz genommen und blicken alle in die Mitte eines Halbkreises, in dem ein kleines Pult steht. Dahinter sitzt ein 92-jähriger Mann. Er trägt einen dunkelgrauen Anzug, und einen leuchtend roten Schal – vor ihm stehen ein paar bunte Rosen in einer Vase. Ein hellgrauer Haarkranz säumt den Kopf. Es ist totenstill, wenn er spricht. Er blickt sich um und grinst. „Schalom“, grüßt er die Schüler. Sie grüßen zurück, etwas unsicher, was sie denn sagen sollen. Er räuspert sich und gießt sich ein Glas Wasser ein: „Mir wurde gesagt, das sei eine Mädchenschule.“ Alle lachen. 

Sein Name ist Sally Perel. Er ist Holocaust-Überlebender.

Wenn man nichts über seine Hintergründe, seine Geschichte, wüsste, könnte man meinen, er sei ein fröhlicher, ganz normaler alter Mann, und man mag sich vielleicht sogar mehrmals die Augen reiben, sollte er sagen, er sei zweiundneunzig. Wenn er erzählt, schaut er sich immer wieder um, um die Schüler anzusehen. Er gestikuliert, malt Menschen mit seinen Händen in die Luft und man verfällt ihm, verfolgt seine Blicke und hängt an seinen Lippen. Die nächste Stunde ist eine Reise durch die Zeit. Zusammen mit einem kleinen Jungen, der nicht verstand, was mit ihm geschah, und der sich vielleicht noch heute als wacher Geist in einem alten Körper fragen mag: wie habe ich das alles überlebt?

„Auch ihr weigert euch, geschichtsfrei zu leben“, sagt er, „damit ihr und Zukünftige nicht in so ein Verderben, so eine Tragödie getrieben werdet“, denn Geschichte sei da, um aus ihr zu lernen. Er weiß um den Aufstieg des Populismus in Europa und auch hier in Deutschland. Es gibt viele, die von einer „Ausschwitzlüge“ sprechen. „Wenn sie es nicht wissen, sind es Dummköpfe. Wenn sie es aber wissen und leugnen, dann sind sie Verbrecher“. Das deutsche und das jüdische Volk werden auch noch in Generationen an Ausschwitz gedenken, denn Ausschwitz ist ein Symbol der schlimmsten Tragödie der Menschheit und war ein „Selbstmord der deutschen Kultur“. Sechs Millionen Juden sind damals im Krieg durch die Nationalsozialisten ermordet worden. Er sagt, es sei eine menschliche Pflicht, Ausschwitz zu besuchen. Als er selbst dort war, war er erschüttert, als er die gestapelten Kinderschuhe neben den abgeschnittenen Haarlocken sah, und von dem Tag an schwor er sich, solange er seine Schuhe tragen würde, würde er sich unermüdlich dafür einsetzen, dass die Erinnerung erhalten bliebe und man sie nicht als „Lüge“ bezeichnete.

Sally Perel hat überlebt, denn er war „versteckt unter der Haut des Feindes“, wie er es nennt. Geboren wurde er in Peine, in Braunschweig, im Jahr 1925. Er hätte glückliche Kinderjahre dort verbracht, „ohne Handy und Pokémon“ mit ganz viel guten Kinderbüchern.

Er erzählt, dass einmal nach einer Lesung, eine Zehntklässlerin zu ihm gekommen sei und ganz stolz gesagt habe, sie hätte ihm zuliebe ihr erstes Buch gelesen. Wieder lachen alle.

Diesmal weiß man nicht ganz, ob sie es aus Verständnis für die Zehntklässlerin oder aus Verwunderung über ihr Verhalten tun. Bevor er beginnt, sagt er: „Hitler konnte es mir nicht verbieten, mich als Deutscher zu fühlen, auch im Exil nicht. Ich komme immer wieder gerne nach Deutschland, ich fühlte mich immer als junger Deutscher. Und die Jugend von heute mag mich. Ich bekomme ganz viele Facebook-Anfragen.“ Man merkt, dass die Schüler ihn mögen. Sehr sogar. Er hat sie in seinen Bann gezogen und fängt an, zu erzählen.

In seinen Kinderjahren in Braunschweig habe er mit Murmeln und im Sandkasten gespielt, während um ihn herum politische Geschichte geschrieben wurde. Denn Kinder wissen ihre Kindheit zu beschützen, wenn sie durch Erwachsene bedroht wird. Der Pädagoge Janusz Korczak hat einmal gesagt, dass jedes Kind ein Recht auf eine glückliche Kindheit besäße, so auch Perel. Bis zu den Nürnberger Rassegesetzen im Jahr 1935, bis zur staatlichen und gesetzlichen Judenverfolgung, war er auch nur eins von vielen glücklichen Kindern. In dem Jahr jedoch wurde er aus der Schule verbannt und floh zusammen mit seiner Familie nach Łódź in Polen, wo er vier Jahre lebte. Die Welt, die er sich mühsam aufgebaut hatte, brach am 1. September 1939 wieder zusammen, als die Deutschen Polen überfielen und 250.000 Juden in ein Ghetto gesperrt wurden, eingepfercht zwischen Stacheldraht. Seine Eltern waren zwei davon. Ihnen war klar, dass es ein Abschied für immer sein würde, als sie Perel und seinen Bruder weiter schickten nach Osten. „Wäre es mir damals klar gewesen, dass es ein Abschied für immer sein würde“, sagt Perel, „wäre ich nie gegangen.“ Die letzten Worte seines Vaters waren die eines Gläubigen: „Glaube immer an Gott! Gott wird dich immer beschützen! Vergiss nie wer du bist.“ Millionen andere Juden glaubten auch an Gott, so Perel, aber welchen Nenner könne man finden zwischen Gott und dem Holocaust? Wie kann Ausschwitz mit Gott zusammenhängen? Wo 1,5 Millionen Kinder zu Asche verbrannt wurden, kann es keinen Gott geben. Gott war nicht in Ausschwitz. Als ihn seine Mutter verabschiedete, sagte sie drei Worte, die nicht primär an Glauben, sondern an die Hoffnung gebunden waren: „Du sollst leben!“ Perel empfindet tiefe Bewunderung für seine Mutter, sagt er, und dafür, dass diese Worte in ihm bisher unbekannte Kräfte weckten: Kräfte, die ihm das Überleben ermöglichten.

Mit 16 Jahren, im Jahr 1941, floh er nach Minsk. Als er die Vorstadt erreichte, musste er sich, wie viele andere Juden und Weißrussen, in 2-er Reihen aufstellen, um von den Nazis kontrolliert zu werden. Er stellte sich an die längste Schlange, denn er verstand, dass die Juden in Gruppen aussortiert und ‚gesammelt‘ würden, um in naheliegenden Wäldern erschossen zu werden. Schritt für Schritt verließ ihn der Verstand, aber der Instinkt kehrte zurück und so vergrub Perel seine Ausweise mit dem Schuhabsatz im Boden, kurz bevor ein deutscher Offizier ihm eine Pistole an den Kopf hielt und ihm befahl, die Hände zu erheben. Perels Hände zittern, als er sie hoch nimmt und die Schüler anschaut. „So wie jetzt zitterten sie“, sagt er. Der Raum ist still. Die Kirchenglocke schlägt draußen drei Uhr. „In dem Moment entschied ich zwischen Vater – bleib Jude! – und der Mutter – du sollst leben! – aber das Menschenleben ist heilig. Das Recht auf Leben steht über dem Glauben. Ich wollte nicht sterben. Die Gedanken rannten durch meinen Kopf und ich folgte meiner Mutter“, er nimmt die zitternden Hände aus der Luft und blättert eine Seite seines Buches um. Er hatte es dem Drang nach Leben zu verdanken, dass er antwortete: „Ich bin kein Jude. Ich bin Volksdeutscher.“ Der Soldat nahm ihn mit. Inspiziert werden musste er nicht. Einen „Beutedeutschen“ nannten sie ihn. In einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hat der ehemalige Soldat, der Perel damals mitnahm, gesagt, er hätte ihn nicht inspiziert, da eine innere Stimme ihm gesagt hätte, dem Jungen zu glauben. Sally Perel nannte sich Joseph. „Jupp“ nannten ihn die Kameraden. „Wenn die Wahrheit dich töten will, lüge“, sagt Perel, „das hat mal ein kluger Mann gesagt. In Lebensgefahr sind moralische Gebote außer Kraft gesetzt, da darf man lügen. Und so log ich.“

Ende 1941 kam Perel auf ein Internat für Hitlerjungen. Vier Jahre verbrachte er dort. Für ihn waren es vier Ewigkeiten. Er fragte sich, wieso die prächtig uniformierten Offiziere in der braunen Uniform mit den Hakenkreuzen zu solchen Verbrechen fähig waren. Denn unter der Kleidung waren sie doch auch normale Deutsche mit Ehefrauen, Kindern und Eltern. Sie waren getaufte Christen, die in ihrer Religion seit Anbeginn zu den Werten der Menschenliebe erzogen worden waren. Doch die Nächstenliebe als allerhöchster Wert, hatte im Nationalsozialismus versagt, denn aus ihm wurde Menschenhass. Die Hitlerjugend, von der er nun Teil war, wurde zu diesem Hass gegenüber Nichtdeutschen erzogen, da Hass elementarster Bestandteil der Nazipropaganda war. Wer den Bereich des Hasses beträte, so Perel, beträte auch den Bereich des Verbrechens. „Denen ist es gelungen, mein Gehirn zu vergiften“, er wirkt bitter, „auch ich hatte nicht genug Immunität gegen die Gehirnwäsche. Auch nach 93 Jahren muss ich mich immer noch mit den Nazidoktrinen aus meinem Unterbewusstsein beschäftigen.“ Damals wäre vier Jahre lang Jupp der Dominante gewesen, sagt er, heute sei es der Humanist. Jeden Abend in seinem Bett verbrachte er mit der Angst, doch entdeckt zu werden. Als Schutzmechanismus gegen die ständige Angst spaltete sich seine Seele in zwei Teile, zwei Welten, die voneinander nichts wussten. Eine innere Zerrissenheit aus Jude und Nazi, Täter und Opfer. Es entstand ein Selbsthass gegen den klandestinen Juden, forciert durch die Ideologie der Rassenkunde, die dazu führte, dass sich die Hakenkreuze seiner Uniform verinnerlichten und er begann, sich mit den Parolen zu identifizieren. Er fragte sich, ob er als Jude schreien dürfe: „Es lebe der Sieg“, während seine Glaubensbrüder in Ausschwitz vergast wurden. Seine dichotome Seele erlaubte ihm das Überleben, aber er meint heute, nachts immer noch die „Schreie der Kinder aus der Asche“ zu hören, die „Wieso?“ rufen. Als sie Rassenkunde im Unterricht besprachen, bat man ihn nach vorn. Er wusste, dass er weder zu der nordischen Rasse (blond, himmelblaue Augen), noch zu der romanischen Rasse (dunkelblond, meeresblaue Augen) gehörte und fürchtete aufgrund fehlender Zugehörigkeit durch die Infamie der Ideologie erkannt zu werden. Doch als der Lehrer ihn vermaß, betitelte man ihn als zugehörig zu der ostischen Rasse, da er klein war und pechschwarze Haare hatte.

Sally Perel, Foto: StagiaireMGIMO CC BY-SA 4.0

„Im Dezember 1943 hatten wir dann endlich Weihnachtsferien“, sagt Perel, „und ich besorgte mir einen Urlaubsschein nach Łódź, um meine Eltern zu suchen. Und ich stand vor dem Stacheldraht des Ghettos, ich war schon Scharführer, mit meinen Kreuzen beladen und sah zwischen den Drähten des Zauns erfrorene Leichen auf den Straßen und graue Schatten, die durch die Gassen liefen. Es gab eine Straßenbahn, die ins Ghetto führte. Ich war von freudiger Erregung erfüllt, als ich sie betrat, ich dachte ‚bald sehe ich meine Eltern wieder‘. Aber die Straßenbahn hatte keine Haltestelle, links und rechts der Fahrbahn war nur Stacheldraht. Aber ich fuhr sie 12 Tage lang, fünf Mal am Tag, aber ich sah meine Eltern nie wieder.“

Als Perel aufhört aus seinem Leben zu erzählen, blickt er auf sein Papier. Eine Stunde lang hat niemand geredet. Jetzt mustert er die Schüler mit wachen Augen. Schule sei da, kritisches Denken zu fördern, meint er, damit man nicht Opfer populistischer oder fanatischer Parolen werde. „Ich wünsche mir, ich hoffe auch sehr, ich glaube, ihr erlaubt mir auch zu sagen, dass mein Bericht nicht nur tief und streng in euren jungen Seelen verbleibt“, seine Blicke sind eindringlich und freundlich zugleich, „sondern ihr auch wisst, ihr hört heute den letzten, nach mir wird es keine Zeitzeugen mehr geben. So wünsche ich mir, ich habe auch in euch Zeitzeugen hinterlassen – bitte überliefert nachher diese Wahrheit euren Kindern und Kindeskindern bis in die letzte Generation. Das sind wir den Kindern schuldig von Ausschwitz.“ Ein paar rutschen auf ihren Stühlen. Die heutige Jugend sei nicht schuldig, sagt er, denn Schuld sei nicht erblich. „Ich komme hierher mit der vollen Wahrheit den Verstand zu erleuchten, denn nur so kommt man zur Versöhnung. Und nun seid ihr mit der Wahrheit gewappnet. Die Worte der Wahrheit kamen aus meinem Herzen und ich hoffe, auch – sollte es sie geben – Rechte haben das gemerkt und kommen zurück zu Respekt und Toleranz. Denn das Grundrecht des Menschen ist, respektiert zu werden.“ Dann sagt er: „In der Bibel steht, hast du eine Menschenseele gerettet. Hast du die ganze Welt gerettet.“ Manchen stehen Tränen in den Augen. Wieder ist es sehr still. „Schalom salaam“, sagt er. Das bedeutet Frieden auf Hebräisch.

 (Hannah Ossenbrügger)