ARths Theater am Rats präsentiert: die SchülerInnen des Literaturkurs der Q1 führen eine tiefschwarze Theaterkomödie von Sophie Niehl mit dem Titel "Selfie mit dem Tod" auf. Anlässlich des Schuljubiläums 175 Jahre Ratsgymnasium finden die beiden Aufführungen auf der Theaterbühne im Kreativ-Haus Münster am Samstag, den 4. Juli um 19 Uhr und am Sonntag, den 5. Juli um 17 Uhr statt. Karten gibt es ab sofort im Vorverkauf im Sekretariat und an der Abendkasse.
JETZT mit Rezension (von Pauline Ummen, EF)
„Selfie mit dem Tod“ — eine analytische Rezension
Es wäre eigentlich ein sehr düsteres Stück, dieses „Selfie mit dem Tod“, das der Literaturkurs am Wochenende vom 4. und 5. Juli im Kreativ-Haus aufgeführt hat. Eine Mordserie an einer Schule, fünf Tote, absolutes Polizeiversagen. Doch das alles wird aufgelockert von absurdester Komik. Das Stück ist durchzogen von Dialogen, bei denen ein Lacher den nächsten jagt. Viele ernste Szenen werden von Werbepausen unterbrochen, bei denen dem Publikum die sinnlosesten Trends und Produkte verkauft werden. Jeder Charakter wirkt wie eine Karikatur seiner selbst, von der Möchtegern- Influencerin über den leicht frauenfeindlichen Macker bis zur nervigen Veganerin. Jedes Klischee kriegt sein Fett weg.
Die Intention des Stückes liegt klar darin, zu unterhalten und zu amüsieren. Aber gleichzeitig ist es eine Kritik an vielen Mustern unserer Generation. „Selfie mit dem Tod“ — der Titel spielt an auf die schamlose Aufmerksamkeitsgenerierung, die schon die BILD-Zeitung etabliert und Social Media auf die Spitze getrieben hat. Statt ehrliche Betroffenheit zu zeigen, wird der Tod der Mitschülerin als Gelegenheit genutzt, sich zu profilieren. Wer hat die Leiche gefunden? Wer hat den Mörder gesehen? Und schon liegt die Aufmerksamkeit auf den Mitschülern, wenn eigentlich der Mord geklärt werden sollte.
Das Stück spiegelt exemplarisch an der Schulklasse die Realitätsferne und die Mentalität von Bedeutungslosigkeit wider, die diese Generation besitzt. Plötzlich sind die Beziehungen fremder Menschen, sogenannter „Celebrities“, wichtiger als die Beziehung zu den Menschen im eigenen Leben. Zu schnell fällt man auf die Marketing-Kampagnen weit entfernter Prominenter rein, die auf die parasoziale Beziehung abzielen. Und wenn alles, was einem im Leben wichtig erscheint, so weit weg ist, dass es fast wie Fiktion wirkt, verliert auch das eigene Leben an Bedeutung. Ein Tod im nähesten Umfeld ist am Ende auch nur eine Schlagzeile wie das Ende einer Promi-Beziehung. Ein zentrales Thema des Stückes sind auch Gruppenzwang und Mobbing. Wer nicht reinpasst, wird ausgeschlossen. Deine „Freunde“ stehen nur so lange an deiner Seite, wie du in ihr Bild passt. Also wird das wahre Ich versteckt. Wenn es sein muss, wird für die Selbstoptimierung auch über Leichen gegangen …
Was auch auffällt, ist der Gebrauch von Sprache in diesem Theaterstück. Auf der einen Seite stehen die Werbeunterbrechungen, bestehend aus leeren Worthülsen, die man schon hundertmal gehört hat. In diese kommerzielle Sprache fügt sich auch alles ein, was die Jugendlichen von sich geben. Hinter den Frasen stecken keine wahren Gefühle oder gehaltvolle Gedanken, sondern nur der anhaltende Drang, irgendetwas sagen zu müssen, um relevant zu bleiben. Es wird viel geredet, aber wenig ausgesagt. Und dann steht dem gegenüber die Lyrik der Protagonisten Benny und Cassandra. Das sind die Stellen, an denen das Stück in die tiefgründigen Fragen über das Leben und Sterben eintaucht. Und ihr Zusammenhalt ist am Ende auch das, was trotz all der Morde und der Dramatik als positives Ergebnis aus dem Ganzen hervorgeht und zur Aufklärung des Mordfalles führt. Die Zusammenarbeit dafür bringt diese zwei unterschiedlichen Menschen zusammen und schafft das, was den anderen fehlt — eine ehrliche, zwischenmenschliche Beziehung.
Man könnte meinen, dass dieses Stück sich also nur über Jugendliche lustig macht. Aber auch die Erwachsenen kommen nicht besonders gut davon. Die Polizei lässt sich trotz Leichenfund nicht blicken, da sie den Jugendlichen keinen Glauben schenkt. Die Schulleiterin spielt lieber Fortnite, als irgendetwas zu unternehmen, und die spirituell verträumte Schulpsychologin Sonja hilft auch nicht weiter. Und am Ende sind Benny und Cassandra auf sich allein gestellt im Showdown gegen den Mörder. Insgesamt hat das Ensemble das Stück mit so einer Freude gespielt, dass man sich gut vorstellen kann, was für eine tolle Zeit der Projektkurs gewesen sein muss. An Selbstironie ist ihr Spiel kaum zu übertreffen und so kommt die Komik perfekt zur Geltung. Alles ist herrlich übertrieben und keiner ist sich zu schade, seine Figur bis ins Lächerliche zu überziehen. So gab es am Sonntagabend völlig zu Recht Standing Ovations für eine gelungene Dernière und auf Seiten der Schauspielenden flossen ein paar Tränen.
Danke, lieber Literaturkurs 2026, für dieses wunderbare Stück!
Pauline Ummen (EF)












